2-02 Mein Zugang zu Jesus
Damals, als ich Jesus für mein Beispiel der noch heute spürbaren christlichen Liebe anführte, hatte ich noch keine Ahnung, wohin mich dieses rein intellektuell angesetzte Beispiel führen würde. Doch, wie für mich typisch, wollte ich nicht einfach ein Beispiel in den Raum stellen, sondern ich wollte mich ein bisschen näher informieren, wie denn das mit den Christen so ist, und wie denn Jesus in ihnen weiterlebt. Die Entdeckungen, die ich machte, waren für mich schlichtweg sensationell und die gefühlsmäßige Bereicherung meines Daseins überhaupt.
Einmal auf die Geschichte Jesus aufmerksam geworden, faszinierte sie mich immer mehr. Ich hatte aus einer ganz anderen Richtung kommend, die unbedingte Notwendigkeit für die Anerkennung des Gefühls erkannt, in weiterer Folge die zugrundeliegende Wesentlichkeit des Menschseins in der Liebe gefunden und plötzlich hatte ich eine "perfekte Vorlage": Jesus.
Und je mehr ich mich mit seiner Geschichte und mit seinem Wirken auseinandersetzte, desto mehr verband sie sich mit meiner "weltlichen" Anschauung und ab diesem Zeitpunkt konnte ich aktive Lebenshilfe aus seiner Geschichte beziehen. So entwickelte ich ein starkes Nahverhältnis zu ihm und mit meinen "Jesus-Geschichten" konnte ich so vielen Suchenden und bis dahin Ungläubigen brauchbare Denkanstöße geben, dass ich mich entschlossen habe, diese auch aufzuschreiben und weiterzugeben.
Meine persönliche Entwicklung ist in dieser Betrachtungsweise sehr leicht nachvollziehbar. Es liegen oft größere zeitliche Zwischenräume zwischen einzelnen Abschnitten und ist genau die Entwicklung von der rein intellektuell aufgestellten These bis zur emotionellen Erfahrung immer wieder erkennbar. Auch heute ist es für mich noch ein wichtiges Faktum, dass diese beiden Bereiche so ineinandergreifen. Und auch heute ist es eben für mich eines der großen menschlichen Wunder, dass Wahrheiten auf so unterschiedliche Weise gefunden werden können.
Und noch etwas hat sich für mich dadurch bestätigt, nämlich, dass die beste intellektuelle Erfahrung nicht annähernd so glücksbringend sein kann, wie die kleinste emotionelle Erfahrung.
Für mich symbolisiert die Geschichte Jesus keineswegs den anzustrebenden Lebensverlauf eines Menschen, sondern die Geschichte der Liebe, ja, viel mehr noch - die Geschichte der absoluten Liebe. Jesus verkörpert das gefühlsmäßige Phänomen. Die Einstellung zu seinem Sein braucht er nicht verkörpern. Das geschieht von ganz allein.
Es ist für mich also nicht das menschliche Leben, das Jesus symbolisiert. Kein Mensch kann so leben, kein Mensch kann so wirken, kein Mensch kann diese Wunder vollbringen. Das bleibt für mich eindeutig Gott vorbehalten. Er zeigt uns also das Göttliche in uns auf. Denn jeder Mensch kann so lieben, und die Liebe kann so wirken und diese Wunder vollbringen.
Ich informierte mich also über sein Leben und versuchte, die einzelnen Situationen meinem Wissen über die Liebe zuzuordnen. Es passte alles haargenau. Für mich war also ab diesem Zeitpunkt klar, dass ich, wenn ich lieben wollte, mich an Jesus orientieren konnte. Und wenn ich nicht weiterwusste, bei ihm eine Lösung zu finden war.
Doch wirklich sinnbewegend wurde es erst, als ich auch gefühlsmäßigen Zugang zu ihm fand. Als ich lernte, ihn zu spüren, ihn zu hören, ihn zu sehen. Bevor es nun an diesem Punkt jemand mit der Angst zu tun bekommt: Die Vorgänge des Sehens und Hörens sind in diesem Falle spirituelle Erweiterungen des menschlichen spürbaren Wissens. Jesus zu hören, bedeutet für mich, ihn an seiner gesprochenen Wahrheit gefühlsmäßig zu erfassen. Ihn zu sehen, ihn in meinen Handlungen oder denen anderer Personen zu erkennen.
Selbst wenn ich mir heute manchmal in „Gesprächen“ ein Bild von ihm visualisiere oder auf seine Stimme lausche, so ist es für mich doch ein unbestreitbares Faktum, dass es sich dabei um ein Fantasiegebilde handelt. Nicht bei Jesus! Sondern bei dem Bild, das ich ihm gebe und bei der Stimme, die ich ihm zuordne. Jesus ist für den Menschen heute nicht mehr mit den körperlichen Sinnesorganen zu erfahren. Jesus ist ausschließlich mit dem menschlichsten aller Organe zu erfahren - mit der Seele. Und Zugang zur Seele verschafft uns nur erfühlte Wahrheit.
Die Fantasie ist ein wunderbares Hilfsmittel und ebenfalls ein höchst menschlicher Qualitätsbringer. Doch birgt sie in diesem Zusammenhang die Gefahr, Jesus und die menschgewordene Liebe zu personifizieren. Sie der „Person“ Jesus zuzuordnen. Und verstellt uns damit eventuell die Sicht darauf, dass Jesus in uns lebt, und sich durch uns ausdrückt und nicht mehr als eigenständige Person.
evelyne w. - 2. Okt, 13:26




















