1-01 Warum (1. und 2. Teil)
1. Teil
7.3.2005
Die Liebe als Phänomen zu beschreiben, ist ein schwieriges Unterfangen. Weil in dem Augenblick, in dem man die Liebe mit Worten zu erklären versucht, ist sie von der Liebe bereits weit entfernt. Sie wird zur Theorie.
Ich meine nun nicht damit, dass die Liebe ein theoretisches Phänomen ist, sondern es ist ganz einfach so, dass die Liebe nur zu spüren ist. Sie ist nicht zu erklären.
Warum will ich es dann überhaupt versuchen?
Ich will es deshalb versuchen, weil es so viele Erklärungen der Liebe gibt, die für mich mit dem Wesen der Liebe absolut nichts zu tun haben. Die aber von einer so großen Anzahl von Menschen bereitwillig aufgenommen wurden, dass sie sich zu einer allgemeinen Meinung über die Liebe verdichtet haben.
Die Liebe ist aber ein vollkommen autarkes Phänomen. Sie kann von Meinungen nicht verändert werden. Auch wenn viele Menschen das gleiche meinen, so bleibt die Liebe noch immer die Liebe und ist nicht das, was die Menschen daraus zu machen versuchen.
Selbstverständlich kann auch ich nur mit meiner Meinung die Liebe zu erklären zu versuchen. Und deshalb auch der einleitendes Hinweis auf Theorie. Meine Erkenntnisse über die Liebe stellen für mich einen Anhaltspunkt dar, der ein Umdenken ermöglicht. Wenn man niemals die Möglichkeit vorfindet, eine wesensgerechte Perspektive auf die Liebe zu gewinnen, dann muss man einfach in der allgemeinen Meinung über sie verharren.
Ich selbst habe mich Jahrzehnte lang dieser allgemeinen Meinung angeschlossen und bin damit sehr unglücklich, und in weiterer Folge, auch krank geworden. Meine innere Leere wurde immer größer und ich konnte die Sinnhaftigkeit meines Daseins nicht erkennen.
Was sollte es für einen Sinn haben, 70 oder 80 Jahre lang auf dieser Welt zu verweilen, sich abzurackern und abzuplagen und dann, wenn man vielleicht ein bisschen etwas erreicht hatte, diese Welt wieder zu verlassen? Auch erschien mir das, was ich schon erreicht hatte, andauernd gefährdet durch meine Mitmenschen.
Die Machtlosigkeit des Einzelnen gegenüber der Mehrheit schien Anstrengungen überflüssig zu machen.
Was nützte es, friedlich und zufrieden dahinleben zu wollen, wenn politische Entscheidungen und Kriege, Frieden und Zufriedenheit empfindlich störten?
Was nützte es, selbst gut und hilfreich sein zu wollen, wenn die Bösen alles zerstörten und die geleistete Hilfe zur eigenen Bereicherung verwendeten?
Auch die Machtlosigkeit anderen einzelnen Menschen gegenüber schien dieses Dasein schwer zu beeinträchtigen.
Was nützte es denn, zu lieben, wenn der, den man liebte, einen anderen liebte?
Was nützte es denn, für andere Menschen etwas zu tun, wenn einen die dann doch verließen oder zumindest das für sie Geleistete nicht anerkannten?
Auch wurde das Leben immer beschwerlicher, je älter man wurde. Und wofür das alles?
Um eines Tages in der Ewigkeit zu verschwinden?
Das ergab keinen Sinn.
Ich entdeckte dann den Sinn des menschlichen Daseins in der Liebe. Doch was ich entdeckte, unterschied sich so gravierend von der herkömmlichen Meinung, dass es mir zuerst einmal nur wieder Angst bescherte. Angst, allein dazustehen.
Und sofort traten wieder die alten Denkmuster auf:
Was sollte es nützen, wenn ich den Sinn der Liebe erkennen konnte und diese Erkenntnis mich aber allein dastehen ließ? Weil meine Umwelt die Liebe nicht so erkennen konnte.
Doch ich war bereits infiziert. Ich sah das Scheitern meiner Mitmenschen an der Sinnlosigkeit, ich sah die Resignation meiner Mitmenschen an der Bürde ihres Lebens und ich spürte die Gefahr in mir, ebenso zu scheitern und ebenso zu resignieren.
Heute weiß ich, dass dies bereits ein Akt der Selbstliebe war, ohne die es keine Liebe gibt. Ohne diesen Funken Selbstliebe wäre es mir niemals möglich gewesen, die Liebe zu finden und deshalb ist es für mich auch so furchtbar, mit ansehen zu müssen, wie tief die Menschen diesen Funken Selbstliebe in sich vergraben haben, sodass es ihnen mit noch so großer Anstrengung nicht mehr möglich ist, die Liebe zu finden. Denn der Wunsch nach Liebe ist in jedem Menschen fundamental verankert.
Doch erschien es mir plötzlich sogar logisch:
Wenn ich nicht so leben wollte, wie die Mehrheit der Menschen, dann musste ich mich trauen, mich vom Allgemeindenken zu lösen. Dann musste ich mich trauen, mich der Allgemeinheit gegenüber zu sehen. Ich musste mich trauen, meinen eigenen Weg zu suchen, das für mich Wesentliche finden zu wollen.
Ich erkannte, dass es nur so möglich war, den Anderen die Macht über mich zu entziehen, indem ich ihnen die Macht über mein Denken entzog. Mich nicht vom kollektiven Gedankengut mitziehen ließ, sondern auf meine eigenen Gedanken und Gefühle achtete und mich nach ihnen ausrichtete.
Das war nun so konträr zu meiner bisherigen Einstellung und damit auch zur Einstellung der Mehrheit, dass ich mich einfach allein fühlen musste.
Die Angst vor der Einsamkeit ist aber, ebenso wie die Liebe, ein fundamentaler Bestandteil der Menschlichkeit.
Weil der Mensch als Gemeinschaftswesen, selbstverständlich Angst vor einem Leben ohne Gemeinschaft haben muss.
Und auch meine Angst vor der Einsamkeit erschwerte mir die Sicht auf die Liebe noch längere Zeit.
Doch, wie gesagt, ich war infiziert.
Ich hatte ein Zipfelchen gefunden, das ich bis dahin nie entdeckt hatte und ich wollte dieses Zipfelchen nicht mehr hergeben, weil es mir zu diesem Zeitpunkt, als ich es entdeckte, enormen Halt gegeben hatte.
Doch leben und lieben ist ein fließender Prozess. Ausruhen auf einem entdeckten Zipfelchen kann man sich nur kurze Zeit. Dann muss man seinen Weg fortsetzen, sonst ist Leben und Liebe zu Ende.
2. Teil
8.3.2005
Als ich nun spürte, dass die gefundene Energie in mir wieder nachließ, begann ich weiter zu suchen.
Und da fand ich dann auch andere Menschen, die so empfanden und dachten wie ich. Nun wurde es aber erst recht schwierig. Denn die Menschen, deren Gedanken und Empfindungen ich in mir nachvollziehen konnte, waren "ganz besondere Menschen". Es waren Psychologen, Philosophen und auch Dichter. Es waren Menschen, die ihre Gedanken und Empfindungen in Büchern zum Ausdruck gebracht hatten. Ich konnte die Erfahrungen und Erkenntnisse meiner Gedanken und Gefühle nicht im direkten Gespräch und in der direkten Kommunikation mit den Menschen meiner Umgebung austauschen und auch weiterentwickeln. Ich fand sie "nur" in Büchern bestätigt.
Ich fand mich plötzlich einsdenkend mit Viktor Frankl, Erich Fromm, Alfred Adler, Karl Popper, Erwin Ringel und auch weniger bekannten Autoren von Büchern.
Im ersten Augenblick bescherte mir dies nur wieder weitere Angst vor der Einsamkeit. Denn all diese Menschen waren entweder überhaupt schon tot, oder zumindest für mich nicht greifbar. Ich bewegte mich nicht im Kreis von Intellektuellen und Psychologen und ich war kein "ganz besonderer Mensch".
Ich war eine ganz normale Durchschnittsfrau in den mittleren Jahren, mit einem großen Gewichtsproblem und mit schweren Störungen des Vegetativums.
Und jeder, dem ich von meinen Erkenntissen und dem Wiederfinden bei Fromm und Adler erzählte, wies mich sofort auf diese Tatsache hin. Alle diese besonderen Menschen konnten leicht so leben und denken. Sie waren begnadet und sie mussten sich nicht mit einem Verkaufsberuf herumschlagen, mit Ärgernissen des Kleinbürgerdaseins, mit finanziellen Nöten oder machtausübenden Chefs. Allein die Tatsache, dass ein Mensch in seinem Leben Zeit fand, ein Buch zu schreiben, zeigte ja schon, daß dieser Mensch sich offensichtlich nicht mit den normalen Mühsalen des Lebens belasten mußte.
Ich befand mich also in einer argen Zwickmühle. Auf der einen Seite waren da meine Gedanken und Gefühle, die sich mit denen, der in meiner Umgebung lebenden Menschen, nicht deckten. Auf der anderen Seite waren da meine realen Verhältnisse, die sich mit denen der Menschen, deren Gedanken und Gefühle ich in mir wiederfand, nicht deckten.
Eines Tages wurde eine Frage zur Frage meines Überlebens:
Gibt es wirklich nur das Eine oder das Andere?
Um diese Frage schlüssig mit "nein" beantworten zu können, verdanke ich einem Menschen besonders viel: Viktor Frankl.
In seinem Buch "Trotzdem ja zum Leben sagen", beschrieb er seinen Weg, den dieser Begnadete durch Konzentrationslager gehen musste. Und wahrlich, wer hier nicht erkennen kann, dass das Herumschlagen mit Kunden, Familienmitgliedern und Preisen im Supermarkt unsereins begnadet sein lässt, der wird schwer den Sinn seines Daseins finden können.
Und trotzdem war sein Buch ein verzeihendes, verstehendes und Mut machendes und äußerst liebevolles Werk, aus dem ich bis heute Kraft schöpfen kann.
Oder, wer die schweren körperlichen Gebrechen von Erwin Ringel als Begnadung ansehen kann, nur weil dieser in späteren Jahren überdurchschnittlich viel Geld verdiente, auch dem wird nur mehr schwer zu helfen sein.
Doch wurde mir dadurch eines klar.
Dass diese Menschen darüber schreiben konnten, war vielleicht ein besonderes Talent, eine besondere Gabe und von mir aus auch eine Gnade (allerdings sah ich es als Gnade für die Menschen, die diese Bücher lesen konnten), aber vor allem zeigte es mir, daß es solche Menschen gab. Und es gab mit Sicherheit auch noch viele (wahrscheinlich die Mehrheit), die darüber nicht geschrieben hatten. Es gab bestimmt viele Menschen, die das Konzentrationslager nicht nur überstanden, sondern die es überlebt hatten.
Und noch leichter erkennbar waren für mich auf einmal die Menschen, die mit ihren Gebrechen und Krankheiten leben konnten. Dass es in meinem direkten Umfeld keine gab, bewies mir nicht mehr, dass solche Menschen auch nicht wirklich existierten.
Mein daraus resultierendes Streben war, solche Menschen zu suchen, um mein Umfeld meinem gedanklichen und gefühlsmäßigen Niveau angleichen zu können.
Doch das war natürlich nicht sehr leicht.
Die einen waren bereits tot, für die anderen erschien ich mir zu minder, um auf sie zugehen zu können (was sollte ein Viktor Frankl mit mir anfangen?) und jene, die ihre Vergangenheit bewältigt hatten und/oder ihre Gegenwart bewältigten, waren nicht sehr leicht zu finden. Alle Menschen versuchten, den Eindruck zu erwecken, dass sie mit Vergangenheit und Gegenwart zurechtkamen. Wie sollte ich erkennen können, wer das auch tatsächlich konnte?
Ich ging auf alle möglichen Menschen zu, musste aber immer wieder erkennen, dass es gerade nicht die gewesen waren, die Daseinsbewältigung zu ihrem Leitziel gemacht hatten.
Ich versuchte, den Menschen die Augen zu öffnen, damit auch sie mit mir auf mein Ziel zugehen konnten und musste immer wieder erkennen, dass sie das gar nicht wollten.
Wieder überkam mich Mutlosigkeit. Was nützte es, wenn ich den Weg sehen konnte und schon wieder allein auf ihm stand?
Und doch ergaben meine Gedanken und meine Gefühle so viel Sinn für mich und die rund um mich gelebte Lebensweise ergab keinen, oder nur wenig Sinn.
Ich suchte also den einzigen Menschen auf, der in meinem Umfeld greifbar war, um mit ihm über meine Gedanken und Gefühle kommunizieren zu können: den Therapeuten (genauer gesagt, in meinem Fall war es eine Therapeutin) und diese lüftete mir dann das wesentlichste Zipfelchen: Nicht mein Umfeld war zu verändern, sondern ich selbst musste das leben, was ich für richtig hielt. Ich selbst musste meine Vergangenheit und meine Gegenwart bewältigen wollen, nicht die Anderen und auch nicht die der Anderen.
Nachdem ich in meiner direkten Umgebung keine Vorbilder fand, gab es nur eines: weiterlesen!
Ich besuchte auch Kurse und begann, meine Gedanken und Gefühle niederzuschreiben. Es waren so viele unterschiedliche und bis dahin vollkommen fremde Eindrücke, die auf mich einstürmten, dass ich beim Denken allein den Überblick verlor. Da ich mich so allein fand, brauchte ich die Sicherheit des analytischen Denkens, um mir das alles erklären zu können, was ich empfand und erkannte.
Ich schrieb mir alles auf, um es überprüfen zu können, um es vergleichen zu können, um erkennen zu können, ob meine Gedanken tatsächlich mit meinem Gefühl übereinstimmten.
Es war in erster Linie natürlich eine selbsttherapeutische Arbeit, die auch viel Gefahr in sich trug, denn die Selbsttherapie kann in Richtung Selbstabsicherung führen. Und Absicherung ist ein psychologischer Vorgang, der die Gemeinschaft ausschließt. Wenn sich der Mensch von der Gemeinschaft wegbewegt, bewegt er sich aber auch von seinem Menschsein weg.
Ich wusste das damals natürlich nicht.
Ich schrieb einfach, um nur ja nie wieder etwas von meinen geliebten Erkenntnissen zu vergessen. Und weil es mir für mich wichtig schien, meine Gedanken auf einen Punkt bringen zu können, meine Gedanken formulieren zu können, um sie so auch ordnen zu können. Um sie so auch in einen Zusammenhang bringen zu können. Und auch, um erkennen zu können, wie weit ich meine Empfindungen bereits auch in Gedanken umsetzen konnte.
Ich fühlte dauernd etwas, ich dachte dauernd etwas und alles schien irgendwie nicht wirklich zusammenhängend zu sein. Es wurde mir klar, dass ich mich deshalb nicht zurechtfand, weil für mich in dem, was ich spürte und dachte, oft kein Zusammenhang zu finden war, mit dem, was ich lebte und natürlich auch mit dem, was mir die Anderen vorlebten.
Umso mehr ich alles, was mit mir geschah, in Zusammenhänge bringen konnte, umso interessanter wurde das Leben für mich.
Auch fand ich, dass Gedanken als Gedanken es auch dem wirklich Wahrheitssuchenden ermöglichten, sie gummiartig in die eine odere andere Richtung zu ziehen, in der man sie gerade haben möchte. Ein geschriebener Satz ist unverrückbar. Ich konnte also von dem, was ich niedergeschrieben hatte, den Stand meiner Erkenntnisse immer exakt ableiten. Wenn der Satz, den ich gestern niedergeschrieben hatte, heute weiterging, dann wußte ich, dass ich etwas dazugelernt hatte und ich konnte mir nicht vorgaukeln, dass ich schon immer so gedacht hatte.
Auch konnte ich dadurch immer ganz genau erkennen, ob noch eine - wenn auch noch so winzige - Lücke in meinem Mosaik entstand oder ein Stein nicht genau passte.
Mogeln galt nicht. Wenn etwas nicht stimmte, hieß es weitersuchen. Oder korrigieren!
Das erschien mir sehr wichtig und ist es bis heute so wichtig für mich geblieben.
Und so komme ich zu meiner Frage zurück, warum ich denn die Liebe zu erklären versuchen will, wenn man das doch eigentlich gar nicht kann.
Ich will die Erkenntnisse aufschreiben, die dazu führten, dass ich die Liebe ihrem Wesen nach anerkannte und die mich dazu motivierten, sie auch spüren zu wollen, sie auch leben zu wollen. Ich will der gängigen Anschauung der Liebe meine Perspektive gegenüberstellen, weil es nur so möglich ist, zum Umdenken Gelegenheit zu geben und mir selbst die Möglichkeit gibt, meine Erkenntnisse mit meinen Erfahrungen in einen Zusammenhang zu bringen.
7.3.2005
Die Liebe als Phänomen zu beschreiben, ist ein schwieriges Unterfangen. Weil in dem Augenblick, in dem man die Liebe mit Worten zu erklären versucht, ist sie von der Liebe bereits weit entfernt. Sie wird zur Theorie.
Ich meine nun nicht damit, dass die Liebe ein theoretisches Phänomen ist, sondern es ist ganz einfach so, dass die Liebe nur zu spüren ist. Sie ist nicht zu erklären.
Warum will ich es dann überhaupt versuchen?
Ich will es deshalb versuchen, weil es so viele Erklärungen der Liebe gibt, die für mich mit dem Wesen der Liebe absolut nichts zu tun haben. Die aber von einer so großen Anzahl von Menschen bereitwillig aufgenommen wurden, dass sie sich zu einer allgemeinen Meinung über die Liebe verdichtet haben.
Die Liebe ist aber ein vollkommen autarkes Phänomen. Sie kann von Meinungen nicht verändert werden. Auch wenn viele Menschen das gleiche meinen, so bleibt die Liebe noch immer die Liebe und ist nicht das, was die Menschen daraus zu machen versuchen.
Selbstverständlich kann auch ich nur mit meiner Meinung die Liebe zu erklären zu versuchen. Und deshalb auch der einleitendes Hinweis auf Theorie. Meine Erkenntnisse über die Liebe stellen für mich einen Anhaltspunkt dar, der ein Umdenken ermöglicht. Wenn man niemals die Möglichkeit vorfindet, eine wesensgerechte Perspektive auf die Liebe zu gewinnen, dann muss man einfach in der allgemeinen Meinung über sie verharren.
Ich selbst habe mich Jahrzehnte lang dieser allgemeinen Meinung angeschlossen und bin damit sehr unglücklich, und in weiterer Folge, auch krank geworden. Meine innere Leere wurde immer größer und ich konnte die Sinnhaftigkeit meines Daseins nicht erkennen.
Was sollte es für einen Sinn haben, 70 oder 80 Jahre lang auf dieser Welt zu verweilen, sich abzurackern und abzuplagen und dann, wenn man vielleicht ein bisschen etwas erreicht hatte, diese Welt wieder zu verlassen? Auch erschien mir das, was ich schon erreicht hatte, andauernd gefährdet durch meine Mitmenschen.
Die Machtlosigkeit des Einzelnen gegenüber der Mehrheit schien Anstrengungen überflüssig zu machen.
Was nützte es, friedlich und zufrieden dahinleben zu wollen, wenn politische Entscheidungen und Kriege, Frieden und Zufriedenheit empfindlich störten?
Was nützte es, selbst gut und hilfreich sein zu wollen, wenn die Bösen alles zerstörten und die geleistete Hilfe zur eigenen Bereicherung verwendeten?
Auch die Machtlosigkeit anderen einzelnen Menschen gegenüber schien dieses Dasein schwer zu beeinträchtigen.
Was nützte es denn, zu lieben, wenn der, den man liebte, einen anderen liebte?
Was nützte es denn, für andere Menschen etwas zu tun, wenn einen die dann doch verließen oder zumindest das für sie Geleistete nicht anerkannten?
Auch wurde das Leben immer beschwerlicher, je älter man wurde. Und wofür das alles?
Um eines Tages in der Ewigkeit zu verschwinden?
Das ergab keinen Sinn.
Ich entdeckte dann den Sinn des menschlichen Daseins in der Liebe. Doch was ich entdeckte, unterschied sich so gravierend von der herkömmlichen Meinung, dass es mir zuerst einmal nur wieder Angst bescherte. Angst, allein dazustehen.
Und sofort traten wieder die alten Denkmuster auf:
Was sollte es nützen, wenn ich den Sinn der Liebe erkennen konnte und diese Erkenntnis mich aber allein dastehen ließ? Weil meine Umwelt die Liebe nicht so erkennen konnte.
Doch ich war bereits infiziert. Ich sah das Scheitern meiner Mitmenschen an der Sinnlosigkeit, ich sah die Resignation meiner Mitmenschen an der Bürde ihres Lebens und ich spürte die Gefahr in mir, ebenso zu scheitern und ebenso zu resignieren.
Heute weiß ich, dass dies bereits ein Akt der Selbstliebe war, ohne die es keine Liebe gibt. Ohne diesen Funken Selbstliebe wäre es mir niemals möglich gewesen, die Liebe zu finden und deshalb ist es für mich auch so furchtbar, mit ansehen zu müssen, wie tief die Menschen diesen Funken Selbstliebe in sich vergraben haben, sodass es ihnen mit noch so großer Anstrengung nicht mehr möglich ist, die Liebe zu finden. Denn der Wunsch nach Liebe ist in jedem Menschen fundamental verankert.
Doch erschien es mir plötzlich sogar logisch:
Wenn ich nicht so leben wollte, wie die Mehrheit der Menschen, dann musste ich mich trauen, mich vom Allgemeindenken zu lösen. Dann musste ich mich trauen, mich der Allgemeinheit gegenüber zu sehen. Ich musste mich trauen, meinen eigenen Weg zu suchen, das für mich Wesentliche finden zu wollen.
Ich erkannte, dass es nur so möglich war, den Anderen die Macht über mich zu entziehen, indem ich ihnen die Macht über mein Denken entzog. Mich nicht vom kollektiven Gedankengut mitziehen ließ, sondern auf meine eigenen Gedanken und Gefühle achtete und mich nach ihnen ausrichtete.
Das war nun so konträr zu meiner bisherigen Einstellung und damit auch zur Einstellung der Mehrheit, dass ich mich einfach allein fühlen musste.
Die Angst vor der Einsamkeit ist aber, ebenso wie die Liebe, ein fundamentaler Bestandteil der Menschlichkeit.
Weil der Mensch als Gemeinschaftswesen, selbstverständlich Angst vor einem Leben ohne Gemeinschaft haben muss.
Und auch meine Angst vor der Einsamkeit erschwerte mir die Sicht auf die Liebe noch längere Zeit.
Doch, wie gesagt, ich war infiziert.
Ich hatte ein Zipfelchen gefunden, das ich bis dahin nie entdeckt hatte und ich wollte dieses Zipfelchen nicht mehr hergeben, weil es mir zu diesem Zeitpunkt, als ich es entdeckte, enormen Halt gegeben hatte.
Doch leben und lieben ist ein fließender Prozess. Ausruhen auf einem entdeckten Zipfelchen kann man sich nur kurze Zeit. Dann muss man seinen Weg fortsetzen, sonst ist Leben und Liebe zu Ende.
2. Teil
8.3.2005
Als ich nun spürte, dass die gefundene Energie in mir wieder nachließ, begann ich weiter zu suchen.
Und da fand ich dann auch andere Menschen, die so empfanden und dachten wie ich. Nun wurde es aber erst recht schwierig. Denn die Menschen, deren Gedanken und Empfindungen ich in mir nachvollziehen konnte, waren "ganz besondere Menschen". Es waren Psychologen, Philosophen und auch Dichter. Es waren Menschen, die ihre Gedanken und Empfindungen in Büchern zum Ausdruck gebracht hatten. Ich konnte die Erfahrungen und Erkenntnisse meiner Gedanken und Gefühle nicht im direkten Gespräch und in der direkten Kommunikation mit den Menschen meiner Umgebung austauschen und auch weiterentwickeln. Ich fand sie "nur" in Büchern bestätigt.
Ich fand mich plötzlich einsdenkend mit Viktor Frankl, Erich Fromm, Alfred Adler, Karl Popper, Erwin Ringel und auch weniger bekannten Autoren von Büchern.
Im ersten Augenblick bescherte mir dies nur wieder weitere Angst vor der Einsamkeit. Denn all diese Menschen waren entweder überhaupt schon tot, oder zumindest für mich nicht greifbar. Ich bewegte mich nicht im Kreis von Intellektuellen und Psychologen und ich war kein "ganz besonderer Mensch".
Ich war eine ganz normale Durchschnittsfrau in den mittleren Jahren, mit einem großen Gewichtsproblem und mit schweren Störungen des Vegetativums.
Und jeder, dem ich von meinen Erkenntissen und dem Wiederfinden bei Fromm und Adler erzählte, wies mich sofort auf diese Tatsache hin. Alle diese besonderen Menschen konnten leicht so leben und denken. Sie waren begnadet und sie mussten sich nicht mit einem Verkaufsberuf herumschlagen, mit Ärgernissen des Kleinbürgerdaseins, mit finanziellen Nöten oder machtausübenden Chefs. Allein die Tatsache, dass ein Mensch in seinem Leben Zeit fand, ein Buch zu schreiben, zeigte ja schon, daß dieser Mensch sich offensichtlich nicht mit den normalen Mühsalen des Lebens belasten mußte.
Ich befand mich also in einer argen Zwickmühle. Auf der einen Seite waren da meine Gedanken und Gefühle, die sich mit denen, der in meiner Umgebung lebenden Menschen, nicht deckten. Auf der anderen Seite waren da meine realen Verhältnisse, die sich mit denen der Menschen, deren Gedanken und Gefühle ich in mir wiederfand, nicht deckten.
Eines Tages wurde eine Frage zur Frage meines Überlebens:
Gibt es wirklich nur das Eine oder das Andere?
Um diese Frage schlüssig mit "nein" beantworten zu können, verdanke ich einem Menschen besonders viel: Viktor Frankl.
In seinem Buch "Trotzdem ja zum Leben sagen", beschrieb er seinen Weg, den dieser Begnadete durch Konzentrationslager gehen musste. Und wahrlich, wer hier nicht erkennen kann, dass das Herumschlagen mit Kunden, Familienmitgliedern und Preisen im Supermarkt unsereins begnadet sein lässt, der wird schwer den Sinn seines Daseins finden können.
Und trotzdem war sein Buch ein verzeihendes, verstehendes und Mut machendes und äußerst liebevolles Werk, aus dem ich bis heute Kraft schöpfen kann.
Oder, wer die schweren körperlichen Gebrechen von Erwin Ringel als Begnadung ansehen kann, nur weil dieser in späteren Jahren überdurchschnittlich viel Geld verdiente, auch dem wird nur mehr schwer zu helfen sein.
Doch wurde mir dadurch eines klar.
Dass diese Menschen darüber schreiben konnten, war vielleicht ein besonderes Talent, eine besondere Gabe und von mir aus auch eine Gnade (allerdings sah ich es als Gnade für die Menschen, die diese Bücher lesen konnten), aber vor allem zeigte es mir, daß es solche Menschen gab. Und es gab mit Sicherheit auch noch viele (wahrscheinlich die Mehrheit), die darüber nicht geschrieben hatten. Es gab bestimmt viele Menschen, die das Konzentrationslager nicht nur überstanden, sondern die es überlebt hatten.
Und noch leichter erkennbar waren für mich auf einmal die Menschen, die mit ihren Gebrechen und Krankheiten leben konnten. Dass es in meinem direkten Umfeld keine gab, bewies mir nicht mehr, dass solche Menschen auch nicht wirklich existierten.
Mein daraus resultierendes Streben war, solche Menschen zu suchen, um mein Umfeld meinem gedanklichen und gefühlsmäßigen Niveau angleichen zu können.
Doch das war natürlich nicht sehr leicht.
Die einen waren bereits tot, für die anderen erschien ich mir zu minder, um auf sie zugehen zu können (was sollte ein Viktor Frankl mit mir anfangen?) und jene, die ihre Vergangenheit bewältigt hatten und/oder ihre Gegenwart bewältigten, waren nicht sehr leicht zu finden. Alle Menschen versuchten, den Eindruck zu erwecken, dass sie mit Vergangenheit und Gegenwart zurechtkamen. Wie sollte ich erkennen können, wer das auch tatsächlich konnte?
Ich ging auf alle möglichen Menschen zu, musste aber immer wieder erkennen, dass es gerade nicht die gewesen waren, die Daseinsbewältigung zu ihrem Leitziel gemacht hatten.
Ich versuchte, den Menschen die Augen zu öffnen, damit auch sie mit mir auf mein Ziel zugehen konnten und musste immer wieder erkennen, dass sie das gar nicht wollten.
Wieder überkam mich Mutlosigkeit. Was nützte es, wenn ich den Weg sehen konnte und schon wieder allein auf ihm stand?
Und doch ergaben meine Gedanken und meine Gefühle so viel Sinn für mich und die rund um mich gelebte Lebensweise ergab keinen, oder nur wenig Sinn.
Ich suchte also den einzigen Menschen auf, der in meinem Umfeld greifbar war, um mit ihm über meine Gedanken und Gefühle kommunizieren zu können: den Therapeuten (genauer gesagt, in meinem Fall war es eine Therapeutin) und diese lüftete mir dann das wesentlichste Zipfelchen: Nicht mein Umfeld war zu verändern, sondern ich selbst musste das leben, was ich für richtig hielt. Ich selbst musste meine Vergangenheit und meine Gegenwart bewältigen wollen, nicht die Anderen und auch nicht die der Anderen.
Nachdem ich in meiner direkten Umgebung keine Vorbilder fand, gab es nur eines: weiterlesen!
Ich besuchte auch Kurse und begann, meine Gedanken und Gefühle niederzuschreiben. Es waren so viele unterschiedliche und bis dahin vollkommen fremde Eindrücke, die auf mich einstürmten, dass ich beim Denken allein den Überblick verlor. Da ich mich so allein fand, brauchte ich die Sicherheit des analytischen Denkens, um mir das alles erklären zu können, was ich empfand und erkannte.
Ich schrieb mir alles auf, um es überprüfen zu können, um es vergleichen zu können, um erkennen zu können, ob meine Gedanken tatsächlich mit meinem Gefühl übereinstimmten.
Es war in erster Linie natürlich eine selbsttherapeutische Arbeit, die auch viel Gefahr in sich trug, denn die Selbsttherapie kann in Richtung Selbstabsicherung führen. Und Absicherung ist ein psychologischer Vorgang, der die Gemeinschaft ausschließt. Wenn sich der Mensch von der Gemeinschaft wegbewegt, bewegt er sich aber auch von seinem Menschsein weg.
Ich wusste das damals natürlich nicht.
Ich schrieb einfach, um nur ja nie wieder etwas von meinen geliebten Erkenntnissen zu vergessen. Und weil es mir für mich wichtig schien, meine Gedanken auf einen Punkt bringen zu können, meine Gedanken formulieren zu können, um sie so auch ordnen zu können. Um sie so auch in einen Zusammenhang bringen zu können. Und auch, um erkennen zu können, wie weit ich meine Empfindungen bereits auch in Gedanken umsetzen konnte.
Ich fühlte dauernd etwas, ich dachte dauernd etwas und alles schien irgendwie nicht wirklich zusammenhängend zu sein. Es wurde mir klar, dass ich mich deshalb nicht zurechtfand, weil für mich in dem, was ich spürte und dachte, oft kein Zusammenhang zu finden war, mit dem, was ich lebte und natürlich auch mit dem, was mir die Anderen vorlebten.
Umso mehr ich alles, was mit mir geschah, in Zusammenhänge bringen konnte, umso interessanter wurde das Leben für mich.
Auch fand ich, dass Gedanken als Gedanken es auch dem wirklich Wahrheitssuchenden ermöglichten, sie gummiartig in die eine odere andere Richtung zu ziehen, in der man sie gerade haben möchte. Ein geschriebener Satz ist unverrückbar. Ich konnte also von dem, was ich niedergeschrieben hatte, den Stand meiner Erkenntnisse immer exakt ableiten. Wenn der Satz, den ich gestern niedergeschrieben hatte, heute weiterging, dann wußte ich, dass ich etwas dazugelernt hatte und ich konnte mir nicht vorgaukeln, dass ich schon immer so gedacht hatte.
Auch konnte ich dadurch immer ganz genau erkennen, ob noch eine - wenn auch noch so winzige - Lücke in meinem Mosaik entstand oder ein Stein nicht genau passte.
Mogeln galt nicht. Wenn etwas nicht stimmte, hieß es weitersuchen. Oder korrigieren!
Das erschien mir sehr wichtig und ist es bis heute so wichtig für mich geblieben.
Und so komme ich zu meiner Frage zurück, warum ich denn die Liebe zu erklären versuchen will, wenn man das doch eigentlich gar nicht kann.
Ich will die Erkenntnisse aufschreiben, die dazu führten, dass ich die Liebe ihrem Wesen nach anerkannte und die mich dazu motivierten, sie auch spüren zu wollen, sie auch leben zu wollen. Ich will der gängigen Anschauung der Liebe meine Perspektive gegenüberstellen, weil es nur so möglich ist, zum Umdenken Gelegenheit zu geben und mir selbst die Möglichkeit gibt, meine Erkenntnisse mit meinen Erfahrungen in einen Zusammenhang zu bringen.
evelyne w. - 7. Mrz, 13:37




















