1-06 Der Mensch, das Gemeinschaftswesen

Donnerstag, 24. März 2005

1-06 Der Mensch, das Gemeinschaftswesen


Bisher haben wir uns damit auseinandergesetzt, was einen Menschen ausmacht. Nun gehen wir einen Schritt weiter, indem wir uns fragen, wofür er mit diesem Fundament ausgestattet ist und wozu ihn dieses Fundament befähigt.

Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen. Ein Mensch allein kann nicht existieren. Und zwar als Mensch nicht existieren.
Die Vision eines Menschen, der sein ganzes Leben ganz allein existieren soll - ich glaube die spricht für sich. Ich glaube, wir können sofort erkennen, daß diese Existenz nicht Menschensinn ergibt.
Es wird also der einsamste Einsiedler Kommunikationspartner benötigen, um nicht wahnsinnig zu werden. Er wird mit den Vögeln, mit den Bäumen oder mit seinem Gott kommunizieren, und zwar auf jeden Fall gefühlsmäßig. Er wird irgendetwas an seinem einsamen Leben lieben müssen, er wird mit irgendetwas liebevoll kommunizieren müssen, und sei es selbstliebend mit sich selbst! Doch ich glaube, sogar für den größten psychologischen Laien ist hier klar erkennbar, dass es sich dabei nur um Ersatz für die Kommunikation mit seinen Artgenossen handeln kann.
Im übrigen nehme ich aber die selbstliebende Kommunikation mit sich selbst nicht nur als Ersatz, sondern sehe sie vielmehr als den Vorgang, der diesen Menschen mit der Menschheit in Verbindung bleiben lässt. Ist doch auch der einsamste Einsiedler noch immer ein Teil einer Gemeinschaft, von der er sich einfach nicht trennen kann: er ist ein Bestandteil der Menschheit und bleibt also durch die Selbstliebe wieder mit einem Menschen verbunden.

Selbstverständlich sehe ich nun keineswegs in der Entscheidung eines Menschen, als Einsiedler zu leben, nur schwere neurotische Grundlagen. Dieser Mensch kann sehr wohl eigenverantwortlich und in größter Harmonie mit sich selbst, diesen Weg eingeschlagen haben und auch leben. Doch wird dieser Mensch seinen menschlichen Fundamenten gemäß kompensieren müssen. Und auch hier wieder - Kompensation kann ein höchst selbstliebender Vorgang sein.

Ohne Liebe geht es also nicht, denn die Selbstliebe ist ein fixer Bestandteil der Liebe, die Liebe zur Natur, wie die Liebe zu Gott selbstverständlich ebenfalls. Wenn unser Einsiedler nichts von alldem lieben kann, wird er keinen Lebenswillen entwickeln und entweder dem Wahnsinn verfallen oder sterben.
(Zu diesem Thema gibt es ein wunderbares Buch von Marlen Haushofer: "Die Wand". Wie sich denken lässt, in der Zwischenzeit einens meiner Lieblingsbücher.)

Wir können uns aber auch einfach vorstellen, dass Menschen in einer Gemeinschaft leben, ohne miteinander gefühlsmäßig oder sprachlich zu kommunizieren, sondern nur instinktmäßig. Man sieht sofort, was übrigbleibt: eine Schafherde mit menschlichem Aussehen.
Natürlich kennen wir alle Menschen, die scheinbar in ihren Ehen so leben, doch auch hier ist klar, dass diese Menschen ebenfalls in irgendeiner Form lieben müssen - und seien es Briefmarken und sie werden mit deren Sammlern kommunizieren.
Doch auch hier wieder ziemlich eindeutig: Ersatz. Hier allerdings ist es höchstwahrscheinlich neurotischer Ersatz. Aber immer noch aus unbedingt selbstliebender Notwendigkeit.

Eine wirkliche Schafherde mit menschlichem Aussehen gibt es nicht, wo viele Lebewesen, die nur wie Menschen aussehen, essen, schlafen, kopulieren - doch keine gefühlsmäßige oder sprachliche Kommunikation pflegen. Wenn wir auf eine Ansammlung von solchen Geschöpfen treffen sollten, dann müsste es eine psychiatrische Klinik sein, denn diese Art der Existenz ist für den Menschen unerträglich und würde ihn dem Wahnsinn verfallen lassen. Und tatsächlich sind auch die psychotischen Störungen der Menschen, Schizophrenie oder Paranoia, Fluchtmechanismen des Menschen aus einem Zustand der Gefühllosigkeit, der die einseitige Betonung der Bewusstheit auf das Abgetrenntsein des Menschen von seiner Herde mit sich bringt.

Es ergibt sich daraus, dass jeder Mensch in seine Existenz Gefühl einbringen muss, um die Abgetrenntheit von seiner Gemeinschaft ertragen zu können. Ob er nun mit vielen Menschen zusammenlebt oder ganz allein.

Viele Menschen bestreiten oder bezweifeln die Abhängigkeit des Menschen von der Gemeinschaft. Der einsame Einsiedler wird dies vermutlich auch tun. Ja, vielmehr noch, in unserer westlichen Welt versuchen die Menschen ihr Heil in der Unabhängigkeit zu sehen. Das Streben in unserer modernen Zeit geht verhängnisvollerweise in Richtung menschlicher Autonomie.
Doch der Mensch ist nun einmal ein Bestandteil der Menschheit, so wie er ein Bestandteil der Welt ist - er kann sich von der Menschheit nicht lösen und er kann sich von der Welt nicht lösen (wenn er sich in Raumschiffen im Weltall befindet, muss er doch mit der Welt in Verbindung bleiben, muss er doch ersatzweise weltähnliche Bedingungen in diesem Raumschiff vorfinden).

Die Unabhängigkeit unserer Besitz- und Konsumgesellschaft ist nur eine scheinbare. Die Unabhängigkeit eines reichen Menschen lässt sofort das Paradoxon erkennen. Wie soll er zu seinem Reichtum kommen, wenn ihn nicht Menschen für ihn anhäufen. Und wofür soll er seinen Reichtum verwenden, wenn er sich um sein Geld von Anderen nichts kaufen kann. Sein Reichtum ist also sehr abhängig von anderen Menschen.

Oder auch die Unabhängigkeit sogenannter emanzipierter Frauen ist in dieser Weise betrachtet sehr leicht als von der Gemeinschaft abhängig erkennbar. Wovon wären sie denn emanzipiert, wenn nicht von anderen Menschen?

Auch die Unabhängigkeit eines Menschen, der jahrelang nicht aus dem Haus geht und mit keinem Menschen spricht, wird sofort brüchig, wenn man darüber nachdenkt, dass es dafür sehr wohl notwendig ist, dass auf irgendeinem Feld ein Bauer Korn erntet und ein Kaufmann ihm das Brot bringt. Und wenn er Keimlinge in einem Kisterl vor seinem Fenster pflanzt, von denen er sich ernährt, so waren doch Menschen dafür notwendig, um das Haus zu bauen, gibt es Polizisten, die in seinem Wohnort für Ruhe und Ordnung sorgen, Menschen die den Müll beseitigen oder Waschmittel erzeugen.

Deshalb ist dieses Streben nach Unabhängigkeit der menschlichen Entwicklung zuwiderlaufend und dafür verantwortlich, dass die Menschen in der westlichen Welt, trotz des größten Wohlstandes, der ihnen jemals zur Verfügung stand, auch die größte innere Leere empfinden und der Sinnhaftigkeit ihrer Existenz nachlaufen.

Wichtig wäre es, die persönliche Freiheit anzustreben und diese dafür zu nützen, sich der Gemeinschaft zuzuwenden. Nicht - sich auf dem Weg zur persönlichen Unabhängigkeit von der Herde zu entfernen. Denn nur in der Gemeinschaft - also in seiner Herde - findet der Mensch Fülle, Sinn und selbstverständlich auch Schutz.

Nehmen wir als Vergleich irgendein Herdenwesen, das sich von seiner Herde entfernt.
Wir können sofort erkennen, was passiert: Sinn- und schutzlos steht es in der Landschaft. Es wird entweder von einem Größeren oder Stärkeren gefressen werden, oder bei Kälteeinbruch sich mit niemandem zusammendrängen und wärmen können und erfrieren, oder es wird selbst so lang fressen was es findet, bis es umfällt und tot ist. Das wars dann!
Es gibt keine Arterhaltung, es gibt keine Lernprozesse, keinen Schutz, keine Kommunikation, keine Entwicklung... Keinen Sinn! Warum sollte dies beim Menschen anders sein? Nur, weil er kein Tier ist? Ein Herdenwesen ist er allemal.
Er ist nur das Herdenwesen, das sich seiner Abgetrenntheit von der Herde bewusst ist. Und er ist, um dieses Abgetrenntsein überwinden zu können, mit speziellen Möglichkeiten ausgestattet, die rein menschlich sind.

Nun kann man doch sehr leicht erkennen, wie verhängnisvoll es ist, dass die Menschen ihre menschlichen Faktoren minder bewerten, sie zu unterdrücken versuchen und alles daran setzen, sich von ihrer Gemeinschaft unabhängig zu machen, als sich dieser zuzuwenden.

Die Abhängigkeit des Menschen von seiner Gemeinschaft lässt sich dort beginnend ableiten, dass der Mensch ein Lebewesen ist, das am Beginn seines Dasein sehr lange Zeit von der Gemeinschaft schon rein körperlich abhängig ist. Nur wenige Lebewesen brauchen so lange ihre Artgenossen, um überhaupt aufwachsen zu können, wie das Menschenkind.
Die Fiktion von Mogli, der von einer Wölfin aufgezogen wurde, muss glaube ich, wirklich Fiktion bleiben und kann, falls es im realen Leben einmal vorkommen sollte, wirklich nur als die Ausnahme von der Regel gelten. Doch auch hier würde sofort sichtbar, daß Mogli ja nicht als Mensch existiert, sondern als Zwitterwesen; als Wolf in Menschengestalt, der als erstes einmal gelernt hat, auf Wolfsart auf seine Instinkte und Intuitionen zu achten, um sich im Urwald bewegen zu können. Der seine natürlichen Feinde in den Feinden der Wölfe sieht, der aber auf der anderen Seite Gefühl einbringt, das von den Tieren in seiner Umgebung nur auf der Instinktebene zurückgegeben werden kann.

Ich glaube, dass dieses Beispiel klar aufzeigt, dass dieses Wesen in Menschengestalt sich vom Wesen eines Menschen deutlich unterscheidet. Er könnte auch seine Art nicht erhalten. Mit wem sollte er Kinder zeugen? Mit wem sollte er dieses Wesen weiterführen können?

Natürlich wäre dieses Menschenkind noch immer ein Mensch, denn seine fundamentalen Bestandteile wären ja trotzdem in ihm vorhanden. Doch ergibt seine Existenz nur in der Einzigartigkeit seines Individuums für ihn selbst Sinn. Sinn für die Menschheit ergäbe diese Art der Existenz auf Dauer nicht.

Und wenn wir uns hier auf den Menschen als absolutes Einzelwesen zurückführen, dann ist auch sofort wieder klar: Ein Mensch ohne Gemeinschaft ist ein Samenkorn, aus dem nichts wird. Er ist ein Wesen, das in der Endlosigkeit der Evolution nichts hinterlässt. Der nichts zur Evolution beiträgt. Der den Sinn seiner eigenen Spezies nicht erfüllt.

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