1-09 Kommunikation

Sonntag, 17. Juli 2005

1-09 Kommunikation


Die Kommunikation ist für den Menschen von existentieller Bedeutung. Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen, das sich jedoch dessen voll bewusst ist, dass es als Einzelwesen existieren muss. Zum Unterschied von jedem anderen Herdentier, das sich instinktiv als Bestandteil einer Herde wahrnimmt, nimmt der Mensch sich als abgetrennt von seiner Gemeinschaft wahr. Da der Mensch aber von seiner Gemeinschaft abhängig ist, gilt sein natürliches Streben der Verbindung mit dieser Gemeinschaft.

Auf fließend ineinander übergehenden Ebenen kann der Mensch Verbindung zu anderen Menschen herstellen: Mit Gefühl - auf der seelischen Ebene, mit Instinkt - auf der körperlichen Ebene und mit Kommunikation - auf der das Seelische mit dem Körperlichen verbindenen Ebene.

Wenn zwei Menschen aufeinandertreffen, die nicht ein gemeinsames Wort in ihrem Sprachschatz finden, weil sie eventuell aus verschiedenen Ländern stammen, so kann es zwischen diesen Menschen sehr wohl eine Verbindung geben.

Es gibt nun zwei verschiedene Varianten:
Ich kann in einer Straßenbahn in einem fremden Land mit dem Rücken zu einem Menschen stehen, den ich noch nie in meinem Leben gesehen habe und plötzlich etwas spüren: Angst spüren, Bedrückung spüren, aber auch vielleicht erotisches Kribbeln. Ich kenne den Menschen nicht, ich habe ihn nicht gesehen, er hat sich also mir gegenüber nicht ausgedrückt.

Das ist nun für mich eindeutig ein Vorgang des Instinktes, der Intuition, oder ein Anreizen eines Triebes. Es ist für mich eine körperliche Erfahrung - eindeutig nicht greifbar, sondern eben körperlich spürbar. Doch sie betrifft mich - es ist meine körperliche "Empfindung" (Ich empfinde Angst oder Erregung - der andere muss keineswegs ängstlich oder erregt sein). Sie ist da, aber sie unterscheidet sich für mich eindeutig vom Gefühl, das für mich eine seelische Erfahrung ist.

Jetzt gibt es noch die zweite Möglichkeit, und zwar jene, welche die von mir gemeinte Verstehenssprache betrifft:

Wir nehmen die gleiche Situation, nur drehen wir die beiden Menschen um. Das heißt also, ich stehe in einer Strassenbahn und habe plötzlich Blickkontakt mit einem der anwesenden Menschen. (Es ginge auch über das Hören der Stimme, oder auch über die Wahrnehmung der ganzpersönlichen Ausdrucksweise, also Gestik, Mimik, Körperhaltung und dgl. Doch Blickkontakt ist vielleicht am leichtesten verständlich.) Ich könnte nun in dessen Augen seinen Gemütszustand erkennen. Ich könnte sehen, dass er traurig ist, ich könnte sehen, dass er glücklich ist, ich könnte sehen, dass er unruhig ist, dass er ängstlich ist und ich könnte Erkennen in seinen Augen aufblitzen sehen. Denn auch er könnte erkennen, dass ich erkennen kann.
Wenn er ängstlich ist, wird er vielleicht den Blick nun abwenden.
Wenn er glücklich ist, wird er in seinen Augen ein Lächeln aufbauen können, das ich dann eventuell mit meinen Augen zurückgeben kann. Und wenn dieser Augenblick noch etwas länger dauert, dann kann sich dieses Lächeln vielleicht auf unsere ganze Persönlichkeit übertragen. Wir haben einander verstanden!

Der Unterschied zum ersten Beispiel liegt klar vor uns: Es handelt sich um einen Vorgang, den ich über meine Sinne wahrnehme, der jedoch einen anderen betrifft. Und wir haben einander verstanden. Beim ersten Beispiel trete ich mit dem anderen gar nicht in Kontakt. Selbst, wenn ich mit ihm in Kontakt treten würde, handelt es sich um eine Wahrnehmung, die mich selbst betrifft. Es entsteht keine Kommunikation. Doch beim zweiten Beispiel entsteht eindeutig Kommunikation - allerdings ohne ein einziges Wort.

Wir haben uns auf einer Ebene verstanden, auf der es keine Worte gab - auf der Gefühlsebene. Wo keine Worte notwendig waren!
Dieser Mensch wird für diesen Zustand ein anderes Wort gebrauchen, als ich dafür gebrauchen werde. Wenn wir einen Engländer nehmen, wird er das Wort "luck" oder "fortune" dafür setzen, ich werde das Wort "Glück" dafür setzen. Und doch haben wir einander verstanden. Wir werden nun, wenn wir in ein Gespräch kommen, diese beiden Begriffe austauschen können und wir werden in Zukunft, wenn wir diesen Zustand beschreiben wollen, dafür ein Synonym setzen können, auch wenn das Gefühl dann in diesem Moment nicht da ist.
Wir werden also in Zukunft die gleiche Sprache sprechen. Wenn wir von "Glück" oder "fortune" sprechen, werden wir beide wissen, was wir meinen.

Was wir niemals können werden, ist, das persönliche Gefühl zu beschreiben. Den inneren Ablauf der Emotion beschreiben. Es ist eine rein subjektive Angelegenheit, die einfach nicht in Worte gefasst werden kann. Wenn in mir die Empfindung der inneren Wärme aufsteigt und ich kann mit jemandem darüber sprechen und dieser bestätigt mir ebenfalls das Aufsteigen von innerer Wärme, werden wir doch niemals nachempfinden können, wie sich die innere Wärme des anderen für diesen anspürt. Und wenn wir noch soviele Worte dafür gebrauchen. Wenn ich vom Kribbeln in meinen Zehen spreche, werde ich doch niemals nachempfinden können, wie sich das Kribbeln der Zehen meines Nachbars für diesen anspürt.

Wir können nur beide für diesen Vorgang ein gemeinsames Wort finden. Doch wir können den Zustand, den Vorgang, gefühlsmäßig erfassen. Und wir können einander dadurch gefühlsmäßig erkennen und verstehen.

Fatal wird die Situation dort, wo wir an einem anderen Menschen etwas gefühlsmäßig erkennen können, doch dieser ein anderes Wort, einen anderen Begriff für seinen Zustand vorgibt.
Wir erkennen, also erspüren, an jemandem Traurigkeit und er erklärt uns, dass er der glücklichste Mensch auf der Welt ist. Eines ist sofort klar: Wir verstehen einander nicht! Die Kommunikation funktioniert nicht. Ob es nun die Gefühlsebene ist, die nicht übereinstimmt, oder ob es die Sprachebene ist, wo das Missverständnis auftritt, sei im Moment dahingestellt. Ob dieser Mensch nun also Traurigkeit als Glück empfindet, oder ob er sich über seine Traurigkeit einfach hinwegsetzt, oder sich selbst belügt. Tatsache ist, dass keine Verbindung stattgefunden hat. Es hat lediglich ein Aufeinandertreffen stattgefunden.
Nun könnten diese beiden Menschen die Möglichkeiten ihrer Kommunikationsebenen nützen, um Verbindung herzustellen. Sie müssten sich auf die Gedanken, oder auf die Gefühle des anderen einlassen, um Verstehen zu erreichen (nicht Verständnis – Verstehen!). Oder aber, sie können den Zustand des anderen akzeptieren, als das, was sie selbst spüren. Damit begeben sie sich auf die reine Gefühlsebene.

Das ist die Ebene, wo wir uns durch unser eigenes seelisches Empfinden an andere Menschen heranführen können, wo wir uns mit ihnen seelisch verbinden können.
Das wäre in unserem Beispiel der Vorgang, dass ich mich mit den Menschen in dieser Strassenbahn einfach verbunden fühlen kann - oder mich mit meinem Blickkontakt-Menschen verbunden fühlen kann, obwohl keine Kommunikation entstanden ist. Das klingt äußerst simpel und ist aber doch das am schwierigsten zu erklärende Phänomen. Dabei ist gerade das Anerkennen dieser absolut menschlichsten Fähigkeit von eminenter Wichtigkeit.

Deshalb werde ich mich genau diesem Thema äußerst umfangreich widmen, ja - es handelt sich dabei überhaupt um das zentrale Thema meiner Betrachtungsweise.

Als einzelner Mensch, als Einzelwesen, die gefühlsmäßige Verbundenheit mit der Menschheit herstellen zu können, ist für mich die menschliche Verbindung schlechthin, und deshalb das Ziel, das es anzustreben gilt. Unsere Worte und Gedanken, unser Wissen und unsere Einstellung sollte dafür verwendet werden, dieses Ziel zu erreichen.

Mit diesem Kapitel wollte ich nun einmal aufzeigen, was ich unter Kommunikation verstehe. Und ich wollte aufzeigen, dass - und wie - der Mensch mit seiner Gefühlsebene und seiner sprachlichen Kommunikationsebene das Abgetrenntsein von der Gemeinschaft überwinden kann.

Für mich sind das die Funktionen des Gefühls und der Kommunikation im menschlichen Leben, und zwar im menschlichen Gemeinschaftsleben ebenso, wie im individuellen Leben. Es handelt sich um die Funktionen, die den Einzelnen mit seiner Gemeinschaft verbinden können.

Die Verbindung mit seiner Gemeinschaft ist für den Menschen von fundamentaler Wichtigkeit. Denn nur durch die Verbundenheit mit seiner Gemeinschaft kann der Mensch Energie für sein Eigenleben beziehen.
Alles am menschlichen Sein ergibt keinen Sinn, wenn es sich auf einen Menschen bezieht. Alles ergibt nur Sinn, wenn der Mensch seine Individualität in die Gemeinschaft einbringen kann.


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