2-01 Gott

Samstag, 24. September 2005

2-01 Gott


Für alle nichtgreifbaren menschlichen Phänomene, für alles, was spezifisch menschlich ist, aber nicht sicht-, hör- oder angreifbar ist, hat sich der Mensch ein Wesen geschaffen: Gott!
Nun höre ich alle religiös Gottgläubigen entrüstet aufschreien. Denn nach dieser, meiner Theorie scheint es so, als hätte nicht Gott den Menschen erschaffen, sondern der Mensch Gott.

Nun ganz so ist es auch für mich nicht. Doch für das, was wir so im üblichen Sinn unter „Gott“ verstehen - dafür ist für mich eindeutig der Mensch der Urheber.
Götter mit Rauschebärten, die irgendwo fernab in einem Himmel sitzen und richten und verdammen - die gibt es für mich nicht. Auch die Götter anderer Kulturen, die irgendwo außerhalb sitzen und von dort auf den Menschen einwirken. Die sind für mich eindeutig vom Menschen erschaffen.

Für mich ist Gott die Liebe! Und nichts als die Liebe!
Und diese Liebe erhebt das Säugetier Mensch zum Menschen. Also - hat Gott den Menschen erschaffen!

Gott ist die Ewigkeit. Und der Ewigkeit liegt die gleiche Struktur zugrunde, wie der Liebe, weil nur die Liebe Ewigkeit bringt. Und nur in der Ewigkeit liegt für mich der größte erkennbare Sinn. Nur in der Ewigkeit hat alles seinen Platz und nur in der Ewigkeit ergibt alles einen Sinn. Nur die Ewigkeit ist das größte erkennbare Gemeinsame, das alles in sich trägt. Und nur Gott ist es, der alles in sich trägt. Er ist alles, Er ist in allem, Er war ewig und wird ewig sein. Also ist Gott die Liebe, die diese Ewigkeit aufrecht erhält.

Das Problem mit der Ewigkeit liegt für den Menschen darin, dass er die an und für sich undenkfähige Ewigkeit so schwer anerkennen kann. Für den Menschen mit seinem begrenzten Verstand erscheint es so, dass alles einmal beginnen und einmal enden muss. Doch für mich ist dies eindeutig eine Begrenzung des menschlichen Denkvermögens. Ewig ist einfach ewig. In dem Augenblick wo man seinen Anfang erkennen kann, ist es nicht mehr ewig.

In allem, was wir in der Ewigkeit finden können, ist Gott. Und Gott liebt die Ewigkeit. Denn nur die Liebe führt ewig weiter. Das Böse oder das Schlechte kann nicht ewig weiterführen. Es zerstört. anderes oder sich selbst. Da gibt es keine Ewigkeit. Ewig bedeutet, dass eines aus dem anderen erwächst. Ewig. Nie beginnend, nie endend. Das kann aber nur das Gute, die positive Kraft: die Liebe. Aus dieser kann immer wieder etwas erwachsen. Weil es immer wieder Verbindungen geben wird.

Wenn der Mensch eines Tages so viel negative Kraft aufgebaut haben wird, dass die angestauten Aggressionen, die aus dem Bösen dynamisch erwachsen, sich entladen, wird er die Erde zerstören. Für die Erde wird es also keine Ewigkeit geben. Doch niemand wird daran zweifeln, dass es dann immer noch Gott gibt. Und dass Gott in - vielleicht - abermilliarden Jahren dann Neues erschaffen wird.

Die göttliche Liebe zu sich selbst, also die ewige Liebe zur Ewigkeit, wird Ihn sich mit anderen Wesen verbinden lassen.

Das ist für mich Gott.
Die ewige, alles umfassende Liebe.
Gott liebt alles und jeden. Und alles und jeden gleich. Und warum? Weil er sich selbst so liebt, dass er alles liebt, um nichts zu zerstören. Um sich selbst nicht zu zerstören.

Und daraus ergibt sich eindeutig die Untrennbarkeit der wahren Liebe von der Selbstliebe. Es gibt keine Liebe ohne Selbstliebe. Und es gibt keine Liebe ohne Gott.

Alles andere erscheint mir vom Menschen erschaffen. Mythen, Geschichte und Geschichten, Symbole, Synonyme, Gleichnisse um für ein absolut nicht greifbares Wesen Erklärungen zu finden. Erklärungen, die man letztlich wieder gar nicht wirklich finden kann, weil die Liebe und damit Gott einfach nicht erklärbar sind. Sie sind eindeutig nur spürbar! Und wie bei der Ewigkeit - in dem Augenblick, wo man ein Gefühl nicht gefühlsmäßig erfassen kann, also erspüren, sondern wo man dafür Erklärungen braucht - ist es kein Gefühl mehr. Ist es keine Liebe mehr. Ist es eine Erklärung. Die Liebe selbst muss man spüren. Das einzige daran ist vielleicht die erkennbare liebevolle Aktion: das Gebenwollen einer Erklärung.

Gott hat also für mich den Menschen dadurch erschaffen, dass er ihm die Fähigkeit gab, nicht greifbare Wesen in sich erkennen zu können. Nicht, sie in sich zu tragen. Das tun schließlich alle Bestandteile der Ewigkeit.
Göttliches Sein ist in allem zu sein. Menschliches Sein ist: das göttliche Sein in allem spüren zu können.
Der Mensch hat die Möglichkeit in allem die Liebe erkennen zu können. Er kann in allem die Liebe spüren.

Er kann rote Rosen oder Regenwürmer betrachten und ein unbändiges Gefühl der Liebe in sich aufsteigen spüren. Er kann Musik hören oder Bücher lesen und diese Liebe in sich fühlen, er kann anderen Menschen begegnen und Liebe spüren, er kann sogar an andere Menschen „nur“ denken und Liebe spüren. Er kann sich selbst lieben. Er kann seine Arbeit lieben, den Ausblick von seinem Schlafzimmerfenster, den Himmel und die Wolken betrachten und lieben. Er kann in ein finsteres Bergwerk steigen und dort zur schwärzesten Kohle seine Liebe fühlen.
Seine Liebe zur Welt, seine Liebe zum Menschsein, seine Liebe zu seinem Leben, seine Liebe zu der Liebe in ihm, also zu Gott. Seine Liebe zum Gesamtkunstwerk der Ewigkeit. Seine Liebe zur Schöpfung Gottes.
Er kann alles und jeden lieben. Und das ist das Göttliche in ihm!

Doch Achtung! Der Mensch ist nicht Gott! Gott ist ein nicht greifbares Wesen, das an keinen bestimmten Körper gebunden ist. Vollkommen unabhängig ist er immer dort, wo die positive Kraft die Ewigkeit aufrecht erhält.
Der Mensch ist an seinen menschlichen Körper gebunden. Er trägt nur Gott in sich. Die Liebe an und für sich ist in allem. Doch nur dort, wo der Mensch sie erkennen und fühlen kann, ist Gott in ihm.

Das ist das menschliche Sein. Gott ist zwar immer im Menschen, doch nur dort, wo der Mensch Gott lebt, wirkt sich die positive göttliche Energie auf den Menschen aus. Auf das Menschsein.
Nur Gott liebt immer. Er kann das, weil er nicht an einen Körper gebunden ist. Er kann immer lieben! Er ist die Liebe und sonst nichts. Er ist nicht der Hass, er ist nicht die Versuchung, er hat nicht mit Ängsten oder Eitelkeiten zu kämpfen, er ist nicht der Lebenskampf, er muss keine stoffliche Substanz pflegen, weil er an keinen Körper und auch nicht an die Welt gebunden ist. Er ist die Liebe und nichts als die Liebe. Er ist absolut und radikal.

Der Mensch hat sich mit seinem greifbaren Sein ebenso auseinanderzusetzen, wie mit seinem nichtgreifbaren Sein. Der Mensch ist als Mensch an seinen Körper gebunden. Der Mensch ist als Mensch letztendlich an die Erde gebunden.
Der Mensch kann also nicht so absolut und radikal lieben wie Gott. Er muss auch seinen Körper erhalten, er muss die Welt erhalten, um seinem Sein - dem menschlichen Sein - gerecht zu werden und Sinn zu finden. Der Mensch ist nicht nur mit Gefühlen ausgestattet, der Mensch ist auch mit Trieben ausgestattet, die sein körperliches Sein aufrecht erhalten sollen. Denn ohne den menschlichen Körper könnte der Mensch auch nichts zur Ewigkeit beitragen. Der Mensch benötigt seinen Körper um sein Sein verwirklichen zu können.

Er hat seine Art zu erhalten - also die Spezies, d. h. der Sinn des Menschen ist es Menschen weiter zu erhalten.
Menschsein bedeutet in einem menschlichen Körper das göttliche Sein spüren und erkennen zu können.
Er muss also auf der körperlichen Seite seinen Trieben gerecht werden, und auf der geistigen Seite Gefühle und geistige Energie in die Ewigkeit einbringen. Er ist also nicht „nur“ die nichtgreifbare Liebe, sondern er ist ein greifbares Wesen, das lieben kann.

Wir können also ganz leicht unterscheiden. Da ist auf der einen Seite Gott, der die Liebe ist.
Er kann lieben und sonst nichts. Und das Schöne an ihm ist: Er liebt - und sonst nichts! (Darauf kommen wir später noch ganz genau zurück)
Da ist auf der anderen Seite der Mensch. Er kann zwar lieben, aber er kann auch noch einiges anderes: er kann hassen, er kann lügen, er kann töten, und dgl.. Und er muss auch noch einiges anderes: er muss essen, er muss schlafen, er muss Kinder zeugen, er muss sich mit anderen Lebewesen auseinandersetzen. Und er muss dadurch manchmal seinen Platz verteidigen, sein Leben verteidigen. Ja überhaupt: er muss erleben! Er muss sich dem Erleben stellen.

Dieser Mensch ist nun ein Wesen, das andauernd Entscheidungen treffen muss. Weil er sich immer entscheiden kann. Für die meisten Tiere gibt es diese Möglichkeit nicht - und wenn, dann sicher nicht in diesem Ausmaß, wie für den Menschen - und für die Pflanzenwelt auch nicht. Für Berge, Seen und Wetter ebenfalls nicht. Diese Möglichkeit hat nur der Mensch!

Und dort, wo der Mensch sich für die positive Energie in seinem Leben entscheidet, und damit daran beteiligt ist, die Ewigkeit aufrecht zu erhalten, und nicht gegen sie arbeitet, dort ist Gott bei und in ihm. Also entscheidet der Mensch, ob er sich Gott zuwendet, der immer in allem, also auch in ihm ist.

Und darum haben die Menschen die große Verdammnis erfunden, in der der Mensch versinkt, der nicht lieben kann. Gott selbst würde sich niemals von den Menschen abwenden. Gott selbst benötigt keine Beweise, er würde die Menschen nie in Versuchung führen. Er würde sie nie büßen lassen!

Die Drohungen, die angeblich von ihm kommen, sind für mich eindeutig dem menschlichen Geist entsprungen. Gott warnt, wie jeder Liebende, vor Gefahren.
Doch drohen und dann auch noch verdammen, das kann nur der Mensch. Niemals Gott!
Wenn der Mensch nicht lieben kann, sich also Gott nicht zuwendet, dann befindet er sich auf dem Weg zur Hölle. Weil er seinem menschlichen Sein nicht wesensgerecht wird. Denn ohne Liebe kann der Mensch nicht leben. Er ist dann eine Körperhülle, die der Ewigkeit stoffliche Substanz hinterlässt und keine menschliche Lebendigkeit. Doch nicht Gott hat ihn dorthin befördert. Ob der Mensch lieben kann, dafür ist er eindeutig selbst zuständig. Denn, wenn ein Mensch lieben will - dann kann er auch lieben.

Da die Selbstverantwortung leider nicht zu den größten Tugenden der Menschen zählt, hat sich der Mensch für den Zustand des Nicht-liebens ein weiteres nichtgreifbares Wesen erschaffen: den Teufel!
So kann er die Verantwortung leicht abgeben. Wenn die bösen Mächte, die wieder einmal von außen auftreten, über ihn hereinbrechen, dann hat der Teufel die Hand im Spiel und der arme Mensch ist ihm hilflos ausgeliefert. Dann muss auch gleich Gott herhalten, der ihm den Teufel geschickt hat, um ihn in Versuchung zu führen (Ich möchte nur wissen, warum er das machen sollte? Ich konnte das bis heute nicht herausfinden...)

Ich finde es immer sehr traurig, wenn ich sehe, was Religionen aus dem so einfachen Prinzip der Liebe und der Selbstverantwortung gemacht haben. So viel Trost liegt im Glauben an Gott als die reine Liebe. So viel Sinn liegt in der Selbstverantwortung. Der Mensch könnte sich so leicht orientieren. Doch in dem Urwald von Ritualen, Höllenschrecknissen, Geboten und Verboten, Vergeltungsmaßnahmen, und in dem Sumpf der dauernd vorgebeteten Minderwertigkeit des Menschen und der von vornherein vorausgesetzten Schlechtigkeit, die durch die Erbsünde belegt wird, ja - überhaupt durch diese Überlastigkeit der Kollektivschuld, ist die allesumfassende göttliche Liebe, die niemanden verdammt oder ausschließt, so versteckt, dass sie meistens nicht einmal mehr den priviligiertesten Religionsforschern zugänglich ist.

So viel Trost und Glück habe ich in meiner Auseinandersetzung mit Gott gefunden, wie ich in vielen Jahrzehnten Konfrontation mit religiösen Praktiken nicht einmal annähernd gefunden habe. Ich habe meinen Glauben gefunden!
Und für mich gibt es für einen Menschen einfach nichts Tröstlicheres auf der Welt, als wenn er glauben kann.

Ich weiß, dass ich große Worte gelassen ausspreche. Ich weiß, dass ich mir dadurch viele Gegner, wenn nicht sogar Feinde schaffen werde. Ich kenne die Argumente nur zu gut, die mir entgegengeschleudert werden können. Viele werden mit der Bibel in der Hand auf mich losstürzen und mir beweisen wollen, dass ich nicht recht habe.

Doch ich kann gleich vorwegnehmen: Mir muss niemand was beweisen. Ich kann glauben. Und Glauben ist etwas für Menschen, die keine Beweise brauchen. Glauben ist wie Lieben. Glauben muss man selbst können, Glauben kann niemals von außen bewiesen werden. Sowie auch die Liebe nie von außen bewiesen werden kann.
Diese Menschen wollen dann alle nur sich selbst etwas beweisen. Was mir wieder zeigt, dass sie gerne etwas glauben würden, sich aber nicht trauen. Und dass diese Menschen, anstatt etwas zu suchen woran sie glauben können, sofort daran gehen, mir meinen Glauben nehmen zu wollen. Mir muss bewiesen werden, dass ich nicht Recht habe, damit ihr Nichtglauben zu Recht besteht. Da können manche schon ganz schön rundumschlagen.

Ich meine damit nicht, wenn jemand Fragen stellt, um sich selbst ein Bild machen zu können. Und sei es auch ein anderes, als ich es mir mache. Im Gegenteil, das liebe ich! Doch die meisten Menschen wollen Beweise. Und am liebsten wollen sie mir beweisen, dass ich nicht Recht habe.
Mich fasziniert es nur immer wieder, wenn ich mit einer an sich einfachen und vor allem sehr tröstlichen These unter die Menschen gehe, wie viele es gibt, die sie sofort zerstören wollen und wie wenige Menschen es gibt, die sagen: Moment, die Frau hat Trost gefunden, die Frau hat Liebe gefunden - wie hat sie das gemacht?
Keiner muss es deshalb auch so machen, wie ich. Doch mich persönlich interessiert es immer, wenn ich Menschen treffe, die etwas Positives im Leben gefunden haben. Dann will ich wissen, wie sie dazu gekommen sind, um vielleicht etwas Neues erfahren zu können, um vielleicht etwas dazulernen zu können.

Ich sehe darin die Angst der Menschen vor dem Glauben. An etwas zu glauben, das man nicht beweisen kann. Sie können nicht erkennen, dass das Wort „glauben“ an sich eben ja schon bedeutet, etwas zu glauben und nicht, etwas beweisen zu müssen.

Keine Beweise zu brauchen, heißt aber deshalb noch lange nicht, dass ich mir etwas zurecht gezimmert habe und nun einfach daran festhalte.

Ich glaube nicht an irgendetwas, und schon gar nicht an etwas, das ich starr verteidigen muss. Ich glaube an die Liebe, ich glaube an die Menschwerdung durch die Liebe, und ich glaube an die Lebendigkeit der Liebe, die sie allen äußeren Einflüssen gegenüber unveränderbar macht. Deshalb ist sie für mich Gott, weil diese Liebe absolut ist.
Ich lasse jederzeit Einflüsse von außen zu, ich überprüfe auch, ob meine „Theorie“ vielleicht tatsächlich nicht standhalten kann. Mit Beweisen hat das aber nichts zu tun. Sondern mit Offenheit und Flexibilität, ohne die es keine Liebe gibt.

Ich darf gleich noch etwas sagen. Ich selbst kann nicht immer lieben. Ich bin ja auch nicht Gott. Ich bin nur ein Mensch, der sich mit allem möglichen Erleben auf dieser Welt auseinandersetzen muss. Ich sage das deshalb, weil mir das oft zum Vorwurf gemacht wird, wenn die Menschen merken, dass sie meinem Glauben nichts anhaben können. Damit wollen sie mir beweisen, dass ich nicht wirklich glauben kann, weil ich nicht immer lieben kann. Doch das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun. Ich kann auch erkennen, dass eine Henne ein Ei legt und muss deshalb noch lange nicht selbst Eier legen können. Und ich kann erkennen und daran glauben, dass Gott die Liebe ist und immer liebt und muss deshalb noch lange nicht glauben, dass ich selbst auch immer lieben können muss.

Doch ich weiß immer, wenn ich meine Liebe verloren habe. Und ich weiß, dass nur ich danach streben kann, sie wieder zu finden. Dann wende ich mich ganz bewusst Gott zu und bitte einfach um seine Hilfe. Und noch niemals hat er sie mir versagt! Man muss sie nur erkennen können, denn Er gibt sie manchmal anders, als der Mensch sie von ihm fordert.

Wenn ich im Gespräch mit Gott oder im Gebet, meine Augen zum Himmel hebe, dann nicht deshalb, weil ich dort seinen Sitz vermute, sondern weil ich weiß, dass Gott in allem ist. Gott ist in der Weite des Universums, das sich für uns Menschen als sichtbarer Himmel darstellt, genauso, wie Gott in mir ist. (Nicht vergessen: Das ist göttliches Sein! Göttliches Sein ist in allem zu sein!) Wenn ich mir nun als meinen Treffpunkt mit Gott die Weite des Himmels wähle, dann ist der Grund dafür, weil ich mich von allen greifbaren Dingen im Gespräch mit ihm befreien will. Ich werfe allen weltlichen Ballast ab und begebe mich in die Freiheit des unbegrenzten Universums, um dort auf Gott zu treffen und auf nichts anderes als Gott.

Wenn ich Gott ein väterliches Antlitz gebe, dann tu ich das, weil es für mich tröstlich ist, für meine Kommunikation mit ihm einen direkten Gesprächspartner vor mir zu sehen, einen väterlichen Freund, der mit seinem väterlichen Ratschlag mein Leben in eine positive Richtung lenken will.
Ich gebe meiner Liebe ein Gesicht. Und ich übernehme gerne die Vater-Figur, die andere Gläubige schon vor mir dafür gewählt haben, weil ich mit dieser Vater-Figur das Ewig-gebende, Ewig-spendende, Ewig-Halt-gebende symbolisieren kann.

Ich selbst wähle für meine Gespräche am liebsten Jesus. Dem Umstand, warum das so ist, widme ich den zweiten Teil meines Manuskriptes. Hier nur so viel: Ich finde es wunderbar, als Mensch die Möglichkeit in sich zu finden, seinem Gefühl ein geistiges Antlitz zu geben. Das ist für mich eines der größten Wunder des Menschsein. Und ich finde, es erleichtert den Umgang mit nicht greifbaren Phänomenen ungemein.
Wichtig daran erscheint mir nur, nie zu vergessen, dass alles aus einem selbst kommt: Die Liebe, Gott - und das Bild, das man sich von ihm macht.

Aber gerade an ihrem Umgang mit Gott können wir sehr gut erkennen, wie sehr die meisten Menschen ihren menschlichen nichtgreifbaren Phänomenen gegenüber unsicher sind. Nichtgreifbare Phänomene sind für sie entweder etwas nicht Vorhandenes oder einfach etwas Außenliegendes. Und dadurch natürlich etwas, das Angst machen muss. Wenn es etwas Außenliegendes gibt, das nicht sicht- oder hörbar, und schon gar nicht greifbar ist, dann fühlt man sich dem hilflos ausgeliefert. Weil man sich bei einem Angriff ja nicht wehren kann.

Und schon sind wir wieder mitten im Thema. So werden doch auch viele Schäfchen bei der Stange gehalten. Wenn sie sich nicht ordentlich und brav verhalten, dann kommt die außerirdische Gerechtigkeit über sie. Wen wundert es, dass viele, die ihr ganzes Leben äußerst fromm sind, nicht wirklich verstehen können, warum gerade ihnen die Kinder wegsterben, oder das Haus abbrennt. Und wen wundert es weiter, dass diejenigen, die weniger fromm sind, auf diese Tatsachen sehr gerne verweisen?
Wer unter diesen Bedingungen glauben kann, dessen Seele ist wahrscheinlich wirklich gegen alles gefeit. Weil der braucht wirklich aber auch schon für gar nichts Beweise. Nur erscheint es mir, dass diese enormen Unwahrscheinlichkeiten, die in diesem Zusammenhang auftreten, eher auf bedingungslosen Gehorsam schließen lassen, als auf unbedingten Glauben.

Das Schöne an meinem Glauben ist es, dass ich nicht darauf angewiesen bin, die haarsträubendsten Geschichten blind zu übernehmen und nicht hinterfragen zu können, oder die unverständlichsten „Vergeltungsmaßnahmen“ demütig, zweifelsfrei und aggressionslos über mich ergehen lassen muss. Ich muss meinen Glauben wohl nicht beweisen (und schon gar nicht können), doch beantwortet dieser jede Frage. Da bleibt nichts offen. Mein Gott beantwortet alle Fragen. Niemals verlangt er mit salbungsvollem Lächeln einfach bedingungslosen Glauben, wenn er mir alle fünf Minuten die größten Prügel vor die Beine wirft.

Mich erinnern diese Anforderungen an die Gläubigen an ein ganz ähnliches Muster aus dem täglichen Leben, unter dem wir wahrscheinlich so ziemlich alle zu leiden hatten. Wenn wir als Kinder unsere Eltern etwas fragten, diese uns keine Antwort geben konnten oder wollten und einfach sagten: Das verstehst du jetzt noch nicht, aber mach das, denn Mutti oder Vati sagt das so. Und wenn wir es nicht machten, dann gab es vielleicht bei dem einen oder anderen auch noch eine Tracht Prügel.
Ist das nicht eher simple Machtausübung, als liebevolle Führung? Auch wenn Mutti es noch so gut mit uns meinte und Vati uns vielleicht vor etwas beschützen wollte. Und soll Gott denn nicht unser Führer sein, unser Führer zum Guten und zur inneren Freiheit? Kann man einen Menschen mit bedingungslosem Gehorsam zu innerer Freiheit führen? Kann man einen Menschen unter Strafandrohung zum Guten erziehen? Und kann man ihm mit einem salbungsvollen Lächeln und ausgebreiteten Händen Trost geben, wenn ihm die Not an der Gurgel sitzt?

Wahrscheinlich werden sich nun einige vorstellen können, wie froh ich bin, auf diese Fragen schlüssige Antworten erhalten zu können. Jahrzehntelang haben sie mich beschäftigt und meinen Glauben blockiert. Der Mensch ist nun einmal auch das Wesen, das eine gehörige Portion Verstand mit sich trägt. Den kann man nicht einfach weg-glauben. Ich finde, glauben ist etwas, das man mit seinem Verstand vereinbaren können muss. Sonst gibt man einen anderen Teil seines Menschsein (nämlich die Ratio) auf.

Und deshalb finde ich es so wunderbar, mit meinem Verstand eine Grundlage erkennen zu können, die meinen Glauben ermöglicht. Oder umgekehrt, meinem Glauben jederzeit mit meinen Verstand Fragen stellen zu können. Und von Gott darauf Antworten zu erhalten!


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